Die Insel Riems

Seucheninsel, Insel der Viren, Wahnsinnsinsel … sie trägt viele Namen – die Insel Riems.

Seit fast 100 Jahren ist auf der Ostseeinsel das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) beheimatet und forscht hinter zweieinhalb Meter hohen Stacheldrahtzäunen, massiven Mauern, Sicherheitsschleusen und dicken Glasfenstern an hochgefährlichen Tierkrankheiten. Rinderwahn, Vogelgrippe und Maul- und Klauenseuche sind nur die Bekanntesten.

Hinter den schlichten Fassaden, von denen der Putz bereits abblättert, forschen die Wissenschaftler des Friedrich-Loeffler-Instituts in modernsten Laboren der höchsten Sicherheitsstufe an neuartigen Impfstoffen gegen die tödlichen Viren. Den Großteil der Labore dürfen die Mitarbeiter nur geduscht und in steriler Schutzbekleidung betreten. Es herrscht Unterdruck. So kann Luft – und mit ihr Erreger – zwar hinein gelangen, jedoch nicht hinaus. So können auch die Forscher nach getaner Arbeit das Gebäude nur völlig nackt, durch eine Schleuse, in die automatisch minutenlang warmes Wasser gesprüht wird, verlassen. »Rausduschen« nennen sie das. Für Tiere gibt es hier allerdings kein Entkommen. Sie verlassen die Isolierställe nur in eingeäschertem Zustand. Sogar das Abwasser, die Gülle und der Mist werden hocherhitzt, um auch den letzten Keim abzutöten. Das FLI ist eine der am stärksten abgeschotteten Forschungseinrichtungen der ganzen Republik.

Den ungewöhnlichen Standort auf der Insel hat das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit dem Entdecker der Viren – Friedrich Loeffler – zu verdanken. Als er Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Festland nach Wegen suchte, die Maul- und Klauenseuche einzudämmen, breitete sich die schwere Krankheit immer wieder in benachbarten Viehbetrieben aus. Auf Druck der Bevölkerung wurde er mit seinem Institut schließlich auf die nahe gelegene Insel Riems verbannt. Zu Anfang war diese nur mit dem Boot zu erreichen, was sich im Winter, wenn das seichte Wasser zugefroren war schwierig gestaltete. 1926 wurde dann eine Seilbahn erbaut, mit der entweder 5 Personen oder eine Kuh transportiert werden konnten. Heute gelangt man über einen ca. 1 km langen, künstlich angelegten Damm vom Festland auf die Insel.

Vor wenigen Jahren wurde der Bereich der Tierhaltung des Instituts komplett erneuert. Hinter stahlblauen Fassaden sind Meerschweinchen, Fische, Mäuse und Wildschweine untergebracht. Direkt daneben liegt der Quarantänestall, in dem derzeit ein einzigartiges Projekt stattfindet. Die Forscher ließen vor 4 Jahren eine komplette Kuhherde mit mehr als 50 Tieren je 100 g BSE-haltige Hirnmasse schlucken. Die Tiere werden nun nach und nach geschlachtet und untersucht. So wollen die Forscher herausfinden, wie sich die Krankmacher im Rinderkörper ausbreiten. Mit der hochmodernen Tierhaltung hat ein Erneuerungsprozess begonnen, der das FLI zu Europas fortschrittlichstem Zentrum für Tierseuchenforschung machen soll. In dem erweiterten Institut, das 2010 fertiggestellt werden soll, wollen sich die Wissenschaftler verstärkt mit Tierkrankheiten wie der Vogelgrippe befassen, die auch den Menschen gefährden können.